„Das größte Geschenke ist das Vertrauen“ Familienpaten bei KuL

Pfefferminze, Hagebutte, Ingwer-Feige oder auch Apfelaroma. Daneben zwei Thermoskannen mit heißem Wasser und eine Packung mit Mini-Schokoriegeln. Es ist kurz nach 19:30 Uhr an einem Montag im Mai. Draußen ist es noch hell, hier drinnen gemütlich. Um den großen eckigen Tisch im Gemeindezentrum der evangelisch- lutherischen Kirche in Holm sitzen Renate (64), Heike (56), Hans-Jürgen (68), Birgit (41), Helga (66), Heike (54) und die beiden „Kindesglück & Lebenskunst e. V.“– Koordinatorinnen Leena Molander und Dörthe Bräuner. Es dampft aus den Bechern vor ihnen, die Stimmung ist gut. Es wird gelacht, sich nach dem letzten Urlaub erkundigt, Kalender werden gezückt.
Die Gruppe ist so unterschiedlich wie die Teesorten auf dem Tisch. Alle kommen aus verschiedenen Orten im Kreis Pinneberg, waren oder sind Verwaltungsangestellte, Hausfrauen, Physiotherapeuten, Vertriebsangestellte oder im Einzelhandel tätig. Sie sind verheiratet, alleinstehend, mit und ohne Kinder. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam: Sie sind die Familienpaten des Vereins. Ein Mal im Monat trifft sich die Gruppe, um zu reden, Termine abzugleichen oder sich einfach nur auf den neuesten Stand zu bringen.

Der Verein „Kindesglück & Lebenskunst e.V.“, vielen auch noch als „KEKK (Krebskranke Eltern kleiner Kinder) CARES“ bekannt, ist in den vergangenen Jahren immer weiter gewachsen, hat viele neue Projekte und Hilfen wie die „KEKKEN Kids“, die „Farewell- Begleitung“ oder auch die Kindertrauergruppe „Kokon&Schmetterling“ entwickelt, aber der Ursprung der aktiven Familienhilfe liegt bei den Familienpaten. 2013 ging es mit dem Angebot für den Kreis Pinneberg los. Mit Menschen, die ehrenamtlich in Familien gehen, in denen ein Elternteil an Krebs erkrankt ist, um zu unterstützen und zu helfen. Ziel dabei, den Kindern ein wenig unbeschwerte Zeit zu bieten und die Eltern zu entlasten, bzw. ihnen die Möglichkeit zu geben, mal kurz durchzuatmen. Wie oft das ist, das entscheiden die Familien zusammen mit den Paten individuell. Helga ist seit März 2015 dabei und betreut bereits die dritte Familie. „Eigentlich entscheiden meistens die Kinder, was wir machen. Schwimmen gehen oder einfach nur raus in die Natur oder auf den Spielplatz. Ich habe aber auch schon mit den Kindern gebacken. Das ist egal, Hauptsache alle haben Spaß“, erklärt sie und Hans-Jürgen ergänzt lächelnd: „Fußballspielen ist bei den Jungs auch immer ganz vorn dabei!“

Hinschauen, wo andere wegsehen. Anpacken, wo viele Berührungsängste haben. Wer sich entscheidet, Pate bei „KuL“ zu werden, der braucht Mut, Herz und Unvoreingenommenheit. Mut, sich Situationen zu stellen, die betroffen und traurig machen. Herz, weil manchmal nur das trösten kann. Und Unvoreingenommenheit, weil jede Familie in Angesicht von Krankheit und Tod ihren eigenen Weg bestreiten muss. Und das ist manchmal eben nicht der, den man selbst gehen würde. Die 64jährige Renate ist seit Beginn dabei. Sie ist die erste Patin, die der Verein überhaupt hatte. „Dörthe ist meine Nachbarin und ist damals auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich das machen möchte. Ich habe gar nicht groß nachgedacht und habe sofort Ja gesagt. Ich habe mich sofort gut mit der Familie verstanden, habe sogar nach ein paar Wochen einen Haustürschlüssel bekommen. Nach drei Monaten dann ist die Mutter gestorben, das war sehr schwer. Aber ich bin geblieben.“ Bis heute. Ein Mal in der Woche kümmert sie sich um die heute acht und zwölf Jahre alten Kinder der Familie. Sie kocht, hilft bei den Hausaufgaben, trinkt auch mal einen Kaffee mit dem Vater. Und bildet damit eine schöne Ausnahme von der Regel. Denn: „Wenn es zum Todesfall kommt, dann ist es heute so, dass wir die Paten etwa ein halbes Jahr danach wieder aus den Familien nehmen. Ganz behutsam natürlich, aber das ist anders nicht möglich. Zum einen, weil unser Verein auch professionelle Trauerarbeit anbietet, zum anderen weil die eigentliche Aufgabe der Paten erfüllt ist“, erklärt KuL-Initiatorin Leena Molander.

Die Hilfe der Paten kommt an, die Nachfrage ist da. Immer wieder bekommen Dörthe Bräuner und sie Anfragen von Eltern, die gern die Hilfe des Vereins beanspruchen würden. Die Gründe sind vielfältig, mal sind die Großeltern weit weg, mal das andere Elternteil beruflich stark eingespannt. Dazu kommt noch ein großer Vorteil, den niemand anders aus der Familie hat: Die Distanz. Die Helfer bekommen Einblick in die Familie, sind jedoch nicht selbst betroffen, sind nicht gelähmt von den eigenen Gefühlen, blockiert durch Angst oder Trauer. „Wobei das nicht heißt, dass die Paten nicht mitfühlen sollen. Auch sie dürfen traurig sein und das den Kindern auch zeigen. Echt sein, das ist wichtig. Kinder merken sofort, wenn Erwachsene nicht authentisch sind“, ergänzt Dörthe Bräuner. Ein heftiges Nicken in der Runde unterstreicht ihre Worte.

Die Thermoskanne mit dem heißen Wasser wird zum zweiten Mal herumgereicht. Es dampft wieder aus den Tassen, ein leichter Pfefferminzgeruch zieht durch den Raum. Heike und Birgit sind neu dabei. Heike ist Verwaltungsangestellte und ausgebildete Trauerbegleiterin. Sie hat vom Verein durch die Zeitung erfahren und hat dann Dörthe und Leena einfach eine Mail geschrieben. „Ich finde diese Familienpatenschaften eine tolle Idee und möchte gern helfen. Oft ist dieses ganze Thema mit so einem großen Tabu belegt, ich würde gern mithelfen, das zu brechen.“ Die 41jährige Birgit nickt und fügt hinzu: „Meine Schwiegermutter ist vor einigen Jahren verstorben, das hat viel aufgewühlt bei mir. Ich habe gerade die Ausbildung zur Sterbebegleiterin absolviert. Ich würde mich freuen, bald einer Familie helfen zu können.“ Heike (54) hat bereits mehr Erfahrung als Patin. Sie begleitete eine Familie fast eineinhalb Jahre, kümmerte sich dort um den kleinen Sohn. Auch dort verstarb schließlich die Mutter. Als der kleine Emil sie dann bat, bei der Beerdigung dabei zu sein, war das im ersten Moment ein kleiner Schock. „Ich wollte mich nicht aufdrängen, wusste nicht, wie die Familie das finden würde, wenn ich mit in der ersten Bank säße. Aber alle waren einverstanden und ich bin heute sehr froh, es getan zu haben und Emil dabei begleitet zu haben.“

Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden. Gut zwei Stunden sitzen die Paten bei ihrem monatlichen Treffen zusammen. Der Abend neigt sich dem Ende zu, die meisten Becher sind bereits leer getrunken.

Heike ergreift erneut das Wort: „Eines ist mir noch ganz wichtig, man bekommt sonst vielleicht einen falschen Eindruck: 95 Prozent der Tage sind positiv. Natürlich gibt es berührende und bewegende Momente, auch mal Tränen oder Wut, aber die Zeit, in der wir mit den Kindern schöne Dinge unternehmen, lachen und einfach nur Spaß haben, die überwiegt“, sagt sie und stellt ihren Teebecher auf den Tisch. Die anderen erfahrenen Paten in der Runde nicken erneut. „Und das größte Geschenk, das ist ohnehin das Vertrauen der Eltern. Sie geben uns für ein paar Stunden das Kostbarste, was sie haben: Ihre Kinder.“

Einen Moment ist es still. An diesem Montag im Gemeindezentrum. Alle scheinen kurz ihren eigenen Gedanken zu folgen, stumme Erinnerungen ziehen vorbei. Dann räuspert sich Hans-Jürgen. „Ich habe total vergessen, euch von meiner Frau zu grüßen! Das hole ich hiermit nach!“ Herzliches Lachen aus der Runde ist die Antwort. Umarmungen folgen, Kalender werden zusammengeklappt, Teebecher eingesammelt, Stühle gerückt. Dann verabschiedet sich nach und nach die Gruppe. Ein letztes Mal klappt die Eingangstür, dann ist es erneut still.

Jemand sehr Kluges soll mal gesagt haben, das zweitschönste Wort auf der Welt nach „lieben“ wäre das Wort „helfen“.

Er muss an einem Montag mal hier gewesen sein.

2019 Christina Haacke

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