Ankes Weg

Anke´s Weg

Ein Spätsommertag im September. Die Sonne scheint im Neubaugebiet in Appen im Kreis Pinneberg. Stadtvillen neben halb fertigen Satteldach-Einfamilienhäusern. Ich bin verabredet, mit Anke, 40, gelernte Altenpflegerin. Nebenan am Friesenhaus wird ein Carport aufgebaut, die Straße runter lädt ein LKW gerade Steine für eine Terrasse ab. Während ich auf die Klingel drücke, betrachte ich die große gepflasterte Hausnummer auf der Auffahrt. Da geht die Tür auf. Anke steht vor mir. Schwarze Hose, pinker Kapuzenpulli, Brille, ein breites Lächeln im Gesicht. „Hallo, schön, dass Du da bist. Komm rein!“

Alles ist anders, seit dem 11. März 2018. Anke, ihr Mann Eric, die beiden Kinder Julian (6) und Leonie (2) sind gerade in ihr neues Haus eingezogen, als die Appenerin spätabends bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Die 40jährige liegt auf dem Sofa, schaut fern, als ihr am Bauchnabel eine Art Knubbel auffällt, dicht unter der Haut, hart und juckend. Sofort steht sie auf, geht ins Schlafzimmer und tastet sich ab. Der Knubbel bleibt nicht allein. Auch an ihrer linken Brust bemerkt sie einen Knoten.

„Ich wusste sofort, das ist Krebs und hatte plötzlich die totale Panik. Ich dachte die ganze Zeit an meine Kinder. Die ich vielleicht nicht aufwachsen sehen kann, die sich irgendwann nicht mehr an mich erinnern könnten. Das war schrecklich.“
Am nächsten Tag geht Anke sofort zum Gynäkologen. Mammographie, Biopsie und ein paar Tage später die Diagnose schwarz auf weiß: Brustkrebs in seiner aggressivsten und bösartigsten Form. Ankes Welt bricht zusammen, an diesem Tag. Knapp drei Wochen, nachdem die Familie umgezogen ist, ins flämisch-bunt verklinkerte Traumhaus, voller Vorfreude auf ihr neues Leben.

„Die ersten zwei Wochen waren ein Albtraum, ich habe noch nie zuvor so viel geweint, gleichzeitig war aber auch so viel zu tun. Das größte Problem war auch, dass unsere Familien in der Nähe von Marburg leben, also sehr weit weg. Und mein Mann beruflich sehr eingespannt ist“, erzählt die gelernte Altenpflegerin. Wir sitzen im Wohnzimmer, auf der braunen Couch, Kinderspielzeug in der einen, Grünpflanzen in der anderen Ecke. Ihre Hand streicht geistesabwesend über ihren Kopf, ein dünner Flaum dunkelblond-grauer Haare wächst bereits wieder. „Ohne die Hilfe von außen hätte ich das nicht geschafft.“ Und diese Hilfe kam von mehreren Seiten. Pastor Frank Schüler und Rosemarie Schott-Kulle von der ev.-luth. St. Johannes-Kirchengemeinde in Appen sorgten dafür, dass Töchterchen Leonie sofort einen Krippenplatz bekam und sie stellten einen Kontakt zu Leena Molander und Dörthe Bräuner her, Gründerinnen des Vereins „Kindesglück und Lebenskunst e.V.“, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, sich um Familien, in denen ein Elternteil schwer erkrankt ist, zu kümmern. Und dann ging alles ganz schnell. Ein ehrenamtlicher Familienpate wurde gefunden, der immer dann da war, wenn Anke eine Auszeit brauchte, der sich um die Kinder kümmerte, mal Eisessen mit ihnen ging oder Fußball spielte. „Das war eine große Erleichterung, es nahm mir den Druck, immer funktionieren zu müssen. Und ich wusste, die Kinder sind gut aufgehoben“, so die zweifache Mutter.

An die ersten zwei Wochen nach der Diagnose denkt sie nicht gern zurück, denn das Schlimmste war das Warten auf den Termin beim Facharzt. Man stehe so unter Schock, wüsste nicht, was jetzt genau auf einen zukomme, und sei mit seinen düsteren Gedanken allein, erzählt sie weiter. Durch die geöffneten Fenster dringt Baulärm zu uns herüber, Ankes Telefon klingelt kurz. Sie schaut auf das Display. „Das ist jetzt nicht wichtig. Magst Du Pfannkuchen?“ Ihre Augen strahlen, schnell springt sie auf, läuft zum Kühlschrank und holt

eine mit Folie abgedeckte Schale heraus. „Es ist doch Mittagszeit. Und Pfannkuchen mag doch jeder“, setzt sie lächelnd hinzu.
Noch zweimal muss sie hin, zur Chemotherapie. Im Oktober dann folgt die OP, der Knoten an der Brust wird entfernt, danach wieder Bestrahlung. Die Haare sind ihr ziemlich schnell ausgefallen. Eines Morgens griff sie sich an den Kopf und hatte plötzlich ein Büschel Haare in der Hand. An einem Samstag rief sie bei der Friseurin im Ort an, mittags nach dem letzten Kunden nahm diese sich Zeit für sie – und für ihren Sohn Julian. „Ich hatte ihn gefragt, ob er mitkommen will. Und er wollte“, erzählt sie, während sie vorsichtig den Pfannkuchen wendet. Es riecht nach geschmolzener Butter und Kindheit. „Er hat der Friseurin geholfen, meine Haare abzurasieren. Und war irre stolz dabei! Warte mal, davon gibt’s sogar ein Foto!“

Sich einigeln, die Krankheit totschweigen, möglichst lange den Schein zu wahren, das alles war nie eine Option für Anke. Auch deshalb nutzt sie das Angebot vom Verein Kindesglück und Lebenskunst e.V., der auch eine Selbsthilfegruppe für Betroffene anbietet. Ein Mal pro Monat haben Erkrankte wie Anke die Chance, über ihren Kummer, ihre Sorgen, aber auch über kleine Erfolge zu sprechen. „Sterben ist kein Thema mehr. Ich werde gesund. Basta“, sagt die junge Mutter und ihre Augen blitzen dabei kämpferisch. Ich nehme ihr das sofort ab. Anke will leben.

Auch mit ihren Kindern spricht sie viel über ihre Krankheit, erklärt ihnen, warum es ihr nicht gut geht, bezieht sie ein, so wie beim Friseurbesuch. Sohn Julian hat zusätzlich die Möglichkeit, bei den Gruppen des Vereins „KEKKE KIDS“ oder „KEKKE Künstler“ (KEKK = Krebskranke Eltern kleiner Kinder) in Wedel teilzunehmen, reine Kindergruppen, wo ausgebildete Fachkräfte sich ganz speziell um deren Bedürfnisse kümmern. Der Pate kommt momentan nicht mehr regelmäßig in die Familie, aber es ist eine Freundschaft entstanden. Neulich saß man zusammen beim Brunch, unterhielt sich, über Fußball, das Wetter, die Immobilienpreise. Eine Art Normalität im Ausnahmezustand. Die sich für alle Seiten gut anfühlt. Sollte sich etwas ändern, sich Ankes Zustand wieder verschlimmern, dann würde sie sofort wieder um Hilfe bitten. „Niemand muss in so einer Situation allein bleiben. Sich Hilfe zu holen ist wichtig und richtig. Und ich würde es jederzeit wieder tun“, sagt sie und verteilt die Schokonusscreme auf dem Pfannkuchen. Die Sonne scheint durch das Fenster, sie zeigt mir noch ein Foto. Diesmal von Julians Einschulung vor ein paar Wochen. Papa Eric, stehend neben der Lehrerin, davor Anke mit Töchterchen Leonie auf dem Schoß, Julian mit Schultüte neben ihnen. Alle grinsen in die Kamera. Glücklich, aufgeregt. Eine ganz normale Familie. An einem besonderen Tag.

Beim Abschied stehen wir noch kurz draußen, die Vögel zwitschern, es ist ruhig geworden im Neubaugebiet, Mittagszeit. In einer Stunde muss Anke wieder los, Leonie abholen, Julian schafft den Weg von der Schule bereits allein.
„Ich hoffe, du kannst mit dem, was ich erzählt habe, was anfangen“, sagt sie leise und lächelt. Wir umarmen uns kurz. Ich möchte plötzlich ganz viel sagen, bleibe aber stumm vor Bewunderung.

Anke wird leben. Das ist was zählt.
(Text von Christina Haacke, Schirmfrau des Vereins „KuL“)

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