Frau am Strand

Es war einmal eine kleine Frau.
Sie stand am Strand, in der Dunkelheit, ganz dicht am Wasser. Es ist nicht anders denkbar, als dass ihre Füße nass geworden sein müssen, so dicht stand sie da.
Sie stand da, der Wind pustete um ihren Körper, er zerrte an ihrem Mantel, er peitschte das Wasser immer näher an sie heran. Doch das schien sie alles nicht zu stören.
Sie stand da und sah hinaus auf das Meer. Sie betrachtete den Horizont. Dort hinten, wo die Sonne im Meer verschwand, Stunden war es schon her. Dort hinten, wo Meer und Himmel sich küssen, sich umarmen, eins werden. Dort hinten, wo der Regenbogen aus dem Himmel ins Meer stürzt – oder kommt er aus dem Meer empor in den Himmel?
Sie lächelte. Ein feines, leises Lächeln umspielte ihren Mund, die Mundwinkel zuckten, die kleinen Fältchen glätteten sich für einen Moment. Ihre Augen spiegelten das Meer wider. Sie blickten ruhig und irgendwie weise.
Nun bewegte sie sich. Sie zog ihren Mantel enger um den Körper, als friere sie. Sie schabte mit den Füßen, die nackt waren, in dem nassen Sand. Dann drehte sie sich um. Ich schaute sie an, sah ihr ins Gesicht und war ein wenig peinlich berührt. So direkt sah sie mich an, dass ich den Weg ihres Blickes durch meine Augen hindurch in meine Seele spürte. Auch ich zog meinen Mantel enger, weil mich diese Begegnung frösteln ließ.
Sie machte einen Schritt auf mich zu, ließ ihre Füße in die Sandalen gleiten, die vor ihr auf dem warmen Sand lagen. Sie kam noch einen Schritt näher und blieb vor mir stehen.
Ihr Mund öffnete sich und mein Herz pochte. Was wird sie mir sagen wollen? Gedanken turnten durch meinen Kopf, überschlugen sich. Ich spürte die Spannung.
„Da bist Du ja. Ich habe auf Dich gewartet. Lange schon.“ Sie legte den Kopf schräg und sah mich an. Sie lächelte, als sie fortfuhr „Ich freue mich aus tiefstem Herzen, dass Du den Weg zu mir gefunden hast. Ich weiß, welche Schmerzen, welche Ängste, welche Furcht Du erleidest. Ich weiß, dass Dich Gedanken quälen. Ich weiß, dass Du manchmal fortlaufen möchtest, weit weit fort…“ Ihre Hand machte eine ausladende Bewegung, deutete auf die Unendlichkeit des Meeres. Ich nickte und sah zu Boden. Ein wenig schämte ich mich.
Sie machte noch einen Schritt auf mich zu und griff nach meiner Hand. Eine unglaubliche Woge von Wärme durchströmte meinen Körper und einen Moment lang wünschte ich mir nichts mehr, als dass dieser Augenblick ewig dauern möge.
„Ja, ich habe Angst. Ich habe Angst, dass mich diese Krankheit zerstören wird. Ich habe Angst, dass ich sterben muss, bevor ich meine Aufgaben erledigt habe auf dieser Welt, bevor meine Kinder mich nicht mehr brauchen. Ich habe Angst vor Schmerzen. Ich habe Angst, anderen Leid zu bescheren. Ich habe Angst zu gehen!“ sagte ich leise und musste heftig schlucken. Tränen brannten in meinen Augen und mit dem Wimpernschlag rann mir eine Träne die Wange hinunter, tropfte an meinem Kinn herab auf den Sandboden. Sie drückte meine Hand wieder fester und sah mich an.
„Ich weiß“, flüsterte sie. „Deswegen sind wir uns hier begegnet. Deswegen bin ich jetzt da, bei Dir.“

Wir gingen ein Stück am Strand entlang, das Meer rauschte. „Wie fühlst Du Dich hier?“ fragte sie und sah mich von der Seite her an. „Hmm, ich spüre eine Leichtigkeit. Ich fühle mich frei.“ sagte ich. Und ich fragte mich, ob es wohl das war, was sie wissen wollte.
„Und wie würdest Du Dich fühlen, wenn ich Deine Hand loslassen würde?“ hörte ich sie sagen. Gedanken schossen durch meinen Kopf und ich hielt ihre Hand fester. Ich wollte sie nicht loslassen, denn seit sie da war, hatte ich keine Angst mehr. Ich fühlte mich gehalten und nicht mehr allein. Ich fühlte mich verstanden und begleitet.
„Ich würde mich verlassen fühlen, wenn Du mich losließt, jetzt, wo ich spüren durfte, wie gut es tut, wenn Du mich hältst und mit mir gehst.“ erwiderte ich.
„Ich werde nicht gehen. Ich werde Dich nicht mehr allein lassen. Oftmals wirst Du mich nicht sehen können, aber sei Dir nun sicher, ich werde immer an Deiner Seite sein. Ich werde Deine Wege mitgehen, ich werde Deine Hand halten, Dir helfen, Löcher zu überspringen.
Sag ́ aber Deiner Angst, dass sie Dich nicht begleiten darf. Sag ́ ihr, dass ihr Platz nicht an Deiner Seite ist. Sag ́ ihr, sie soll klein bleiben, sie soll sich zurückziehen aus Deinen Gedanken, aus Deinem Herzen. Denn sonst kann ich nicht mit Dir gehen, zu wenig Platz wäre für mich noch übrig. Meine Schritte würden zu schwer werden, ich würde nicht mehr atmen können und wäre letztendlich nur eine Belastung für Dich. Versprichst Du es mir?“
Ich sah sie an, ihre lieben Augen, ihren weisen, wissenden Gesichtsausdruck, sah ihren entschlossenen Blick, spürte ihren zielstrebigen Gang – und ich spürte, auf eine seltsame Art liebte ich sie.
Ich war sehr berührt von diesem Moment und antwortete „Ja, ich verspreche es Dir. Aber sagst Du mir, wer Du bist? Falls ich Dich verliere, kann ich nach Dir suchen.“
Sie blieb stehen, der Wind frischte auf, er pustete ihre Haare aus ihrem Gesicht. Der Mond schien auf uns herab und tausende Sterne funkelten über uns. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände, sah mich eindringlich an und flüsterte:
„Du wirst mich nie mehr verlieren, denn nun bin ich in Deinem Herzen. Nie mehr musst Du allein die dunklen Wege beschreiten, nie mehr wirst Du allein Tränen weinen müssen, nie mehr allein den eiligen, holpernden Herzschlag ertragen müssen, nie mehr allein mit der Angst aushandeln über jeden weiteren Schritt, über jeden Gedanken, nie mehr die eiserne Hand an Deinem Hals spüren müssen, die Dir die Luft zum Atmen nimmt. Ich werde da sein, immer und immer und immer.
Denn ich bin die

HOFFNUNG.“

Leena Molander, 2006

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